Poeten in der Box: Von der Leipziger Buchmesse – Teil 1

Von Sascha Delitzscher , 0 Kommentare, Montag, 26. April 2010

Wenn die deutschsprachige Slam Elite auf der interessantesten Buchmesse Deutschlands ihre neuesten Veröffentlichungen vorstellt, darf Slammin’ Poetry nicht fehlen. Vom 18. bis zum 21. März warben die Poeten in den Messehallen Leipzigs und auf den Veranstaltungen des parallel stattfindenden Lesefestivals "Leipzig liest" um die Gunst neugieriger Leseratten und alteingesessener Fans. Wir waren vor Ort und berichten in zwei Teilen von den Highlights.

Los ging es schon am Mittwochabend in der Wärmehalle Süd, einer kleinen Bar am Connewitzer Kreuz, wo unter anderem schon seit einem Jahr die Lesebühne Schkeuditzer Kreuz zu Hause ist. Wolf Hogekamp und Lokalmatador Julius Fischer bespaßten gemeinsam mit dem Schweizer Gabriel Vetter und Frank Klötgen dicht gedrängte 100 Gäste mit einer "Poetry Slam Show" vom Feinsten. Der Mix aus Performances der anwesenden Künstler und auf Leinwand gezeigten Poetry Clips war eine angenehme Abwechslung zum Slam Alltag und machte Appetit auf die Veranstaltungen der kommenden Tage.

Noch verhältnismäßig ruhig gestaltete sich der Donnerstag. Pauline Füg und Tobi Heyel alias Großraumdichten eröffneten beim Wake-Up Slam, veranstaltet von Bas Böttcher und Arte. Die Slam Legende und der Kultursender hatten außerdem wieder ihre Textbox im Gepäck, eine schalldichte Kabine von der Größe und Form einer Pommesbude, an deren Front eine Reihe Kopfhörer installiert war. So konnten die Messebesucher sich - ähnlich wie im Plattenladen - eine Hörprobe der in der Box performenden Poeten genehmigen, und nur wenige ließen sich diese Gelegenheit entgehen. Immerhin gab sich die Crème de la Crème der deutschsprachigen Poetry Slam Szene in der Box die Klinke in die Hand. Allein am Donnerstag traten jeweils im Viertelstundentakt Bas Böttcher, Gauner, Pauline Füg, Tobi Heyel, Dalibor, Frank Klötgen, der aktuelle deutsche Meister Scharri, Julius Fischer und Gabriel Vetter auf.

Letzterer stellte später noch seine bereits 2009 veröffentlichte CD "Menschsein ist heilbar" auf der Leseinsel vor. Die Leseinsel sollte in den nächsten Tagen noch oft Ort von Poetry Slam Shows werden. Auf dem, im Gegensatz zu den beengten Ständen der kleineren Verlage, recht großen Areal mitten in Halle 5, inklusive Bühne und sehr bequemer Bestuhlung, konnten regelmäßig rund einhundert Besucher Poetry Slammer und deren Sprach- und Vortragskünste bestaunen. Am Donnerstag gehörte dazu die etablierteste Lesebühne der neuen Länder. Sax Royale (Michael Bittner, Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth) präsentierten ihr erstes Buch "Sax Royal - Eine Lesebühne rechnet ab", erschienen im März 2010 im Verlag Voland & Quist, mit Händen und Füßen und all der Leidenschaft, die dieser Lesebühne ihren herausragenden Status beschert hat.

Da im Anschluss auf der Messe keine Poetry Slam bezogenen Veranstaltungen mehr statt fanden, ergab sich die Gelegenheit zu einem Blick über den Tellerrand - in Richtung professioneller und nicht für die Bühne gemachter Lyrik. Doch die Lyriklesung "Lyrik im Dialog" des Poetenladen (mit Sandra Trojan, Tom Bresemann, Thomas Böhme, Konstantin Ames) enttäuschte, wie noch viele Lesungen von sich auf der Messe präsentierenden Berufslyrikern. Deren Vita und Angabe aller Studienorte, Referenzen und Preise war oft beeindruckender als das nachfolgend vorgestellte Werk.

Mit getragener, langsamer Stimme, als ob ein Unheil bevorstünde, lasen die Dichter ihre Werke. Doch Relevanz kommt nicht von Rhetorik sondern von inhaltlicher Substanz. So wurde man hineinversetzt in eine Zeit als einem Gedichte langatmig und verkopft vorkamen, keine Gefühle transportierten und Stilmittel weniger Kunst als Schikane des Deutschlehrers waren – eben die Zeit bevor man Poetry Slam kannte. Unheil hatte also bevor gestanden, doch auf von den Dichtern unbeabsichtigte Art und Weise. Denn wer Lyrik nur für Lyriker schreibt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn in der an die Lesung anschließenden Diskussion gefragt wird, warum Dichter von Debüts mit einer Auflage von 1000 Stück nur träumen können und warum es noch schwieriger ist danach ein zweites Werk veröffentlichen zu lassen. Als Banause kauft man das Zweitwerk nicht weil man das Debüt schon nicht verstanden hat, als Profi kann man es ja eh selbst besser.

Zum Glück gibt es noch Dichter, die auch gute Laune verbreiten, die sich nicht so wichtig nehmen, und auf Bühnen auch schonmal ins Schwitzen kommen. Zu jenen gehören fraglos Bumillo, Heiner Lange und Philipp Scharrenberg, die am Abend als PauL im "Superkronik" auftraten. Das "L" in PauL steht bekanntlich für Leidenschaft (nicht für Gefahr!), und diese wurde vom zuständigen Tonmann auf die Probe gestellt. Der hatte scheinbar nur zwei Boxen zur Verfügung, die von der Bühne herab einen Raum lang und schmal wie das Innere eines Passagierflugzeugs beschallen sollten.

Das ging natürlich schief, rund dreißig Gäste in den vorderen Reihen genossen einen vollen lauten Sound, doch schon ab den mittleren Reihen war kaum noch etwas zu hören. Die Folge war einsetzendes Gemurmel, das sich während des Auftritts zu einer handfesten Gegenparty in der hinteren Hälfte des Raums entwickelte und bis nach ganz vorne störte. Doch die amtierenden deutschen Meister im Team-Poetry Slam sind Profi genug um sich von solchen Unannehmlichkeiten nicht verunsichern zu lassen. Lediglich als der Tonmann nach zwei Dritteln des Sets auf die Idee kam, die Boxen weiter in Richtung Mitte zu schieben, damit auch die Leute weiter hinten etwas von der Show haben, merkte man Scharri und Co ein wenig Frustration an. Sie wollten die für den Umbau nötige Pause nicht gewähren und machten lieber weiter - bei weniger als einer halben Stunde Restprogramm verständlich.

Diejenigen, die in den akustischen Genuss von PauL kamen, waren am Ende begeistert, sie grölten, applaudierten und forderten laut Zugabe, die sie auch bekommen sollten. "Du bist Disco" war dann gelungener Abschluss und zugleich Start in den folgenden Discoabend, bei dem merkwürdigerweise der ganze Laden bis in die letzte Ecke mit Musik ausgeschallt wurde. PauL soll es egal sein, allen Fans auch, der Abend war gelungen, wenn auch aufgrund menschlichen Versagens für viel weniger Menschen als möglich gewesen wäre.

Am Freitag durften Julian Heun und Temye Tesfu das Aufwecken der Messe beim "Wake-Up Slam" übernehmen. Wie schon am Tag zuvor Pauline Füg und Tobi Heyel wechselten Heun und Tesfu, die  - ihren Plüschaffen als Mitglied nicht mitgezählt - zwei Drittel des Teams Allen Earnstyzz bilden, Solo- und Teamtext jeweils ab. Die energiegeladenen Performances trieben die letzte Müdigkeit aus dem Kopf und viele Besucher direkt an die Textbox. Dort traten bis zum Abend noch Bas Böttcher, Julian Heun, Gauner, Pauline Füg, Tobi Heyel, Lars Ruppel, Temye Tesfu, Dalibor, der unermüdliche Scharri, Franziska Holzheimer und Frank Klötgen auf.

Ebendieser hat übrigens einen Roman geschrieben, aus dem er gleich mehrere Male auf der Leseinsel vorlas. Natürlich im Stehen, standesgemäß sozusagen. Wenn Poeten Romane schreiben, geht das gerne nach hinten los. Wer Poesie produziert sobald er einen Stift in die Hand nimmt, der verliert sich gerne in sprachlichen Details, die einem Roman Stringenz und Spannung nehmen können - man frage Rilke mal nach „Malte Laurids Brigge“. Doch Klötgen scheint nicht in diese Falle getappt, "Der Fall Schelling", erschienen im Verlag Voland & Quist, elektrisierte von Beginn an das Publikum. Die Geschichte eines Schriftstellers, der nach 17 Jahren aus dem Koma erwacht und in eine wenig vertraute Welt geworfen wird, ist sicher nicht neu, doch Klötgen findet neue Verwicklungen und Perspektiven, die das Buch lesenswert und spannend machen.

Des Weiteren trafen sich vier Künstler des Paderborner Performance-Literatur Verlags Lektora auf der Leseinsel zu einem Stelldichein. Zwar wollte die vorher auftretende Nora Gomringer, ihres Zeichens deutsche Meisterin im Team-Poetry Slam 2005, gar nicht mehr aufhören drei Schulklassen aus ihrer "Klimaforschung" vorzulesen, doch auch Lars Ruppel, Harry Kienzler, Markus Freise und Sulaiman Masomi hatten sich deren Aufmerksamkeit absolut verdient. Ruppel rockte gleich mal ohne Mikro mitten im Publikum, Kienzler ließ verlauten "Ich liebe meine Angst", was Markus Freise mit "Du gehst da raus und alles wird zu Gold" zu kontern wusste. Masomi antwortete mit "Ich weiß ES" und setzte mit einem sehr selbstironischen Gedicht über seine Nase einen drauf und zugleich den Schlusspunkt einer tollen Poetry Lesung.

Am Abend wartete dann die All Star Show des Poetry Slam, der "livelyrix Buchmesse Special Poetry Slam", mit großraumdichten (plus DJ) als Feature. Den Wettbewerb bestritten Lars Ruppel, Frank Klötgen, Renato Kaiser, Dalibor, Scharri, Andy Strauß, Sulaiman, Jana Klar, Andre Herrmann, Franziska Holzheimer, Julian Heun und Temye Tesfu. Den Bericht dazu gibt es dann im nächsten Teil.

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