Die Sache mit dem Startplatz

Von Lars Beißert , 0 Kommentare
Montag, 6. September 2010
Künstler verlässt Bühne
Immer wieder die Frage nach der Reihenfolge - ist das wirklich wichtig?

Was beschäftigt eigentlich die Slammer, während das Publikum auf deren Auftritt wartet? Dieser Frage nähert sich der Slampoet Schriftstehler in einer Reihe von Artikeln, die zwar schon seit Juli auf MySlam.net zu lesen sind, deshalb aber nicht an Aktualität verloren haben.

Das Spannendste am Slam ist für die Slammer oft gar nicht die Frage, wie der eigene oder andere Texte bewertet werden, das Spannendste ist die Frage nach dem Startplatz. Da geht das Kribbeln los, das beginnen Zähne zu knirschen und mancher tritt von einem Fuß auf den anderen und murmelt irgendein Mantra vor sich hin. Ganz leise. Oder auch halblaut. Irgendetwas in der Form von „Bitte nicht Startplatz eins, bitte nicht Startplatz eins.“ Oft sind es dann gerade die Slammer, die durch diesen monomanisch ausgesprochenen Satz das Losglück scheinbar gepachtet haben und zu ihrem eigenen Entsetzen den Slam eröffnen dürfen. Ist das denn wirklich so schlimm? Startplatz eins? Das Publikum aufwärmen, gleich mal eine verbale Duftnote abgeben, die von den anderen Slammern erst einmal übertüncht werden muss? Oft stehen dann Slammer auf der Bühne, die, vom Lospech genervt, ihren Text lieblos präsentieren, weil sie der Meinung sind, ja ohnehin keine Chance im Wettbewerb zu haben. Oder sie ziehen irgendeinen beliebigen Text aus der letzten Ecke ihrer löchrigen Hosentasche und gehen mit einem „für Startplatz eins ist das okay“ auf die Bühne. Wohl wissend, dass dieser Text kaum Aussichten hat, das Publikum nachhaltig zu beeindrucken. Ich selbst wurde mal von einem Slammer überrascht gefragt, warum ich denn auf Startplatz eins meinen besten Text gebracht habe. Ich denke, ich bin es mir selbst, ich bin es aber auch den Zuschauern und auch den Veranstaltern schuldig, mein Bestes zu geben.

Geht es denn wirklich ums Gewinnen? Und wenn es darum geht, warum dann kampflos aufgeben, warum über eine bestehende Regel – die Auslosung – meckern und nicht auf jedem Startplatz alles geben, dem Publikum das bieten, was es erwartet: Einen bunten Abend mit großartigen Dichtern. Wer etwas häufiger auf der Bühne steht, der weiß, dass Startplatz eins zwar nicht der günstigste Moment ist, um in den Slam zu gehen, aber es ist auch definitiv nicht unmöglich, von dieser Stelle aus ganz vorn zu landen.

Text: Schriftstehler

Lars Beißert

Im Januar 2008 erstmals auf das Thema Poetry Slam aufmerksam geworden, begann Lars im gleichen Jahr mit der Veröffentlichung einer unregelmäßig erscheinende Kolumne in einem Webmagazin, in der er die eigenen Slamerlebnisse verarbeitete. Ende 2008 reichte ihm dieser Rahmen nicht mehr aus und die Idee zu Slammin' Poetry war geboren. Wenn Lars nicht im Umfeld von Slammin' Poetry aktiv ist, arbeitet er freiberuflich im IT Sektor, quält seine Gitarre und liest gerne – vorzugsweise historische Romane und Fantasyliteratur.

Lars Beißert
kontaktieren:

Kommentare